Deutsche in Polen: Ein Teil gemeinsamer polnischer und deutscher Geschichte

Am Ende des Zweiten Weltkrieges haben etwa 13 Millionen Deutsche die osteuropäischen Länder auf der Flucht vor der Roten Armee verlassen, nachdem sie dort viele Generationen lang gelebt hatten. Sie haben sich in West- und Ostdeutschland ein neues Leben aufgebaut. Dazu gehörte auch die Familie meines Vaters.

Seit dem Hochmittelalter hatten viele Deutsche allmählich die Gebiete östlich der Elbe besiedelt, die ursprünglich slawisches Gebiet gewesen waren, wie die Namen vieler Städte mit slawischen Wurzeln zeigen, mit Endungen wie –in (Berlin), -itz (Görlitz) und –ow (Rathenow) und wo sie zusammen mit der slawischen Bevölkerung lebten. Die Deutschen drangen allmählich bis in das Gebiet des heutigen polnischen Territoriums vor, zunächst in kleinerer Anzahl. Das änderte sich dramatisch Ende des 18. Jahrhunderts, als Polen von den Großmächten Preußen, Russland und Österreich aufgeteilt wurde. 1795 fand die Dritte Polnische Teilung statt. Dabei hatte Preußen weitere Teile Polens annektiert. Von nun an, innerhalb von nur etwa 10 Jahren, drangen zigtausende von deutschen Bauern auf der Suche nach Land in Polen ein und gründeten viele hunderte neue Dörfer.

Die Deutschen folgten damit den Mennoniten aus den Niederlanden, einer protestantischen Sekte, die aus den Niederlanden vertrieben worden war und über Norddeutschland weiter nach Osten vorstieß. Große Teile der mennonitischen Bevölkerung wohnte im Gebiet von Danzig. Die Niederländer kannten sich seit langer Zeit gut mit Trockenlegung von Sümpfen, Waldrodungen und Holzwirtschaft aus und gründeten viele Bauernhöfe einer besonderen holländigen Art, die auf Deutsch „Holländerei“ genannt wurden – ein Wort, dass sich im Polnischen in „Oldendry“ erhalten hat. Als Preußen dieses Gebiet erobert hatte, sollten die Mennoniten Wehrdienst leisten, was sie als strikte Pazifisten aber ablehnten. Sie folgten lieber einer Einladung der russischen Zarin Katharina die Große, einer Deutschen. In diese Lücke stießen dann die deutschen Bauern vor, die inzwischen ebenfalls Erfahrungen mit Waldrodungen gesammelt hatten. Sie übernahmen die Bauerhöfe der Niederländer, die nun deutsche Höfe wurden, aber der Name „Holländerei“ blieb erhalten. Diese Bauern waren frei und konnten bleiben oder weiterziehen, wann immer sie wollten, auch von der preußischen Seite auf die russische Seite Polens. Auf der russischen Seite bestand für die polnischen Bauern, wie auch in Russland, noch die Leibeigenschaft. Die Polen waren vollkommen rechtlos und konnten sich auch nicht der großen Zahl von deutschen privilegierten Neuankömmlingen erwehren. Für die deutschen Bauern bestanden günstige Bedingungen. Im Regelfall brauchten sie in den ersten sieben Jahren keine Steuern zu bezahlen. Sie waren nur verpflichtet, den Wald zu roden und ihn urbar zu machen. Das führte dazu, dass viele von ihnen nach einigen Jahren weiterzogen, oft auf der Suche nach besseren Böden, wo sie dann wieder sieben steuerfreie Jahre erhielten.

Die deutschen Neuankömmlinge kamen aus allen Teilen Deutschlands und versuchten, ihrer Volksgruppe gemäß, weiterhin zusammenzubleiben und besiedelten daher oft gemeinsam bestimmte Regionen. Dadurch blieb eine regionale Identität und regionaler Dialekt aus der Heimat sehr lange erhalten. Katholische Deutsche und Polen haben recht schnell untereinander geheiratet und die Deutschen sich vollständig in Polen assimiliert. Teilweise wurden sogar die deutschen Namen der polnischen Schreibweise angepasst, zum Beispiel wurde aus dem deutschen „Schulz“ das polnische „Szulc“. Aber die meisten Deutschen, etwa 90 Prozent, waren Protestanten und blieben unter sich. Das führte dazu, dass bis Ende des Zweiten Weltkrieges zwar fast alle Deutschen in Polen Polnisch sprachen, da sie ja auch in polnische Schulen gingen, aber zu Hause wurde weiterhin Deutsch gesprochen und es wurde auch hauptsächlich untereinander geheiratet. Dadurch blieb eine deutsche Identität erhalten. Offenbar ist die religiöse Barriere größer als die Sprachbarriere – das erleben wir auch in Deutschland seit über 50 Jahren mit den Einwanderern aus islamischen Ländern, nicht jedoch mit den vielen Einwanderern aus Süd- und Osteuropa.

Meine Vorfahren, die aus Pommern stammten, kamen gegen 1780 zunächst in die Gegend von Gostynin. Man kann sie als Volksgruppe der „Weichseldeutschen“ bezeichnen, die einen eigenen deutschen Dialekt herausgebildet hatte und die im Laufe sehr langer Zeit von West nach Ost, immer der Weichsel stromaufwärts gefolgt war.

Um die Mitte des 19. Jahrhunderts, nach dem polnischen Novemberaufstand gegen die russische Herrschaft, wurden viele Dörfern in der Gegend von Gostynin aufgegeben. Etwa 11000 deutsche Bauern zogen nach Wolhynien, wo sie auf bessere Böden hofften und ihnen günstige Bedingungen versprochen worden waren. Mein Urgroßvater Martin muss sich auch auf den Weg gemacht haben – aber unterwegs begegnete er seiner zukünftigen Frau Luise, die aus der Gegend von Minsk Mazowiecki stammte. Sie heirateten, hatten acht Kinder und wohnten zunächst vermutlich in Wolka Pieczaca, zogen aber später in das Dorf Stare Grabie bei Radzymin. Der jüngste Sohn hieß Daniel. Er und seine Frau Emma aus dem Dorf Leśniakowizna sind meine Großeltern. Sie lebten bis 1915 in Stare Grabie. Mein Urgroßvater Martin starb bereits 1904 und wurde auf dem nahe gelegenen Reczaje Friedhof bei Nowe Reczaje begraben.

Das Dorf war auf der russischen Seite von Polen, aber nahe an der deutschen Grenze. Wegen des Ersten Weltkrieges wurden alle Deutschen von den Russen aus dieser Gegend nach Russland deportiert. Meine Vorfahren mussten ihre Heimat 1915 verlassen und meine Urgroßmutter Luise starb in Russland. Meine Großeltern und ihre Kinder wurden nach Sibirien deportiert und lebten – und überlebten unter harten Bedingungen – in einem kleinen Dorf in der Nähe von Omsk, wo 1917 mein Vater geboren wurde. Erst 1924 wurde ihnen von den Russen erlaubt wieder nach Stare Grabie zu ziehen – inzwischen in eine selbständige polnische Republik! Stare Grabie war ein Dorf mit vorwiegend polnischer Bevölkerung und nur einigen wenigen deutschen Bauern. Hier gingen mein Vater und seine Geschwister zur Schule. Am Sonntag traf man sich zum evangelischen Gottesdienst in einer kleinen Kirche im Nachbardorf Nadbiel, das zu der Zeit offenbar ein deutsches Dorf war. In der Freizeit und am Sonntag fand man sich in kleinen Gruppen zusammen, wo miteinander in kleinen Orchestern musiziert wurde.

Die 1920er und 1930er Jahre waren für die Deutschen in dieser Region friedliche Jahre mit einem ruhigen ländlichen Leben. Das änderte sich 1939 mit dem schrecklichen Überfall der Deutschen auf Polen. Es mag weitgehend unbekannt sein, aber die Nazis deportierten kurz nach ihrem Einmarsch nicht nur Polen, sondern auch viele Deutsche wurden gezwungen, woanders hinzuziehen. Meine Familie musste Stare Grabie verlassen mit der Begründung, hier sei es „unter Polen zu gefährlich“. Dies war Teil der Hass-Strategie der Nazis: sie wollten die Polen und Deutschen voneinander separieren – das ist der wahre Grund. Meine Familie hatte keine Wahl und musste mit all ihrem Vieh nach Male Pulkowo im Kreis Wąbrzeźno umsiedeln auf einen Bauernhof, der offensichtlich vorher Polen weggenommen worden war. Mein Vater wurde Soldat und endete als Kriegsgefangener in der Sowietunion. Als er entlassen wurde, hatte seine Familie Polen Anfang 1945 verlassen. Sie ist nun über die ganze Welt zerstreut: in Deutschland, Kanada, den USA und Brasilien. Nur eine Schwester blieb in Polen und hatte einen polnischen Ehemann. Ihre Kinder und Enkel sind polnische Staatsbürger und leben immer noch hier.

Am Schluss erlauben Sie mir noch ein persönliches Wort: Heute besuchen viele Deutsche Polen, weil ihre Vorfahren von dort stammen. Wir kommen als Touristen und wollen etwas über die Geschichte unserer Familien erfahren. Das Interesse an unserer gemeinsamen Geschichte sowie dem modernen Polen ist groß. Im Deutschland von heute, 75 Jahre nach Kriegsende, in welchem Deutsche den Polen unvorstellbares Leid angetan haben, ist es Konsens in der deutschen Gesellschaft, dass wir einfach nur gute Nachbarn und gute Freunde von Ihnen, der Polen, sein wollen.

Friedhelm Pedde
Berlin

Dr. Friedhelm Pedde wurde 1953 im Ruhrgebiet in Deutschland geboren. Er ist Vorderasiatischer Archäologe und lebt in Berlin. Einer seiner wissenschaftlichen Schwerpunkte ist die Untersuchung der alten deutschen Ausgrabungen in Assur und Uruk, beides Ausgrabungsorte im heutigen Irak, deren Objekte sich im Pergamonmuseum in Berlin befinden. Außerdem war er Kurator im Metropolitan Museum in New York. Bisher hat er neun archäologische Bücher geschrieben sowie eines über die Geschichte der Familie seines Vaters, die 150 Jahre lang in Polen gelebt hat.

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1 komentarz

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    Spotkałem kilka razy dawnych niemieckich mieszkańców wsi Mostówka. Przyjechali tu z sentymentalna podróżą, jednak nikektórzy mieszkańcy Mostówki zachowali sie jak świnie w stosunku do nich.

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